“Tunnelblick
Eine wesentliche Ursache dafür liegt in unserer Eigenart, Fakten falsch zu bewerten. Das ist, wie Kevin Dunbar festgestellt hat, kein Anfängerfehler. Dunbar, Neurowissenschafter an der Universität Toronto, hatte über Monate hinweg Forscher der Stanford-Universität bei ihren Experimenten begleitet. Dabei beobachtete er etwas Erstaunliches: In mehr als der Hälfte der Fälle lieferten Experimente nicht jene Ergebnisse, die die Fachleute erwartet hatten. «Das waren beileibe keine schlampigen Wissenschafter», erklärte Dunbar in einem Artikel des Magazins «Wired». «Sie forschten in einigen der besten Labors der Welt und feilten an elaborierten Theorien. Aber Experimente belegen nun einmal selten das, was man von ihnen erwartet. Das ist das schmutzige Geheimnis der Wissenschaft.»
Wie aber gingen die Forscher mit ihren vermeintlich «falschen» Daten um? Zunächst einmal klassifizierten sie die Abweichungen als Ausreißer, als Folge irgendeiner fehlerhaften Apparatur oder eines unachtsamen Versuchsaufbaus. Dann wiederholten sie ihr Experiment sorgfältig, wieder und wieder. Blieb der «Fehler» dennoch – ganz einfach, weil er eben keiner war –, wurde er ignoriert. «Die Wissenschafter versuchten wegzureden, was sie nicht erklären konnten.» Damit verfälschten die Forscher nicht nur ihre Ergebnisse, sondern verschlossen ihre Augen vor möglicherweise viel wertvolleren Erkenntnissen.
Unser Denken ist so programmiert, daß es die Realität permanent unseren Vorstellungen von ihr anzupassen versucht. Wie ein beflissener chinesischer Zensor, der Internetseiten auf Abweichungen von der herrschenden Ideologie durchforstet, sortiert es abweichende Erkenntnisse kurzerhand aus. Wir sehen, was wir sehen wollen. Und entdecken daher jede Menge überzeugender Belege dafür, daß unsere Investmententscheidungen richtig waren (auch wenn die Aktienkurse durchhängen), daß unser Team klar das beste ist (und lediglich aufgrund von Pech und/oder Unfairneß nicht auf dem Siegertreppchen steht) und unsere Beziehung eindeutig an den Unzulänglichkeiten unseres Partners gescheitert ist. Wir sind, mit anderen Worten, permanent mit Tunnelblick unterwegs.
90 Prozent aller Autofahrer glauben, sie führen sicherer als der Durchschnitt, 94 Prozent aller College-Professoren meinen, sie seien überdurchschnittlich gute Lehrer. Geschäftsleute halten sich in der Mehrzahl für kompetenter als ihre Konkurrenten und die meisten Studenten für intelligenter als ihre Kommilitonen. Die größte Gemeinsamkeit durchschnittlicher Menschen, sagt der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert, bestehe in ihrer Eigenschaft, sich für überdurchschnittlich zu halten.
Warum tun wir das? Gilbert vergleicht die chronische Selbstüberschätzung mit einem psychischen Immunsystem, das unseren Geist in ähnlicher Weise gegen Unglücklichsein verteidigt, wie das physische Immunsystem den Körper gegen Krankheiten schützt. «Es ist unser Bedürfnis, beschützt zu werden, daher sucht unser Verstand automatisch danach, die Dinge im besten Licht zu sehen, während er gleichzeitig darauf aufpaßt, daß wir die realen Tatsachen nicht gänzlich aus den Augen verlieren.»
So selbstberuhigend derartiger Größenwahn sein mag, so verheerend wirkt er auf unsere Erfolgsaussichten. Wir legen los wie Eselstreiber, die sich mit klapprigen Karren und einem Haufen veralteter Landkarten an den Start des Rallys Paris–Dakar begeben – und selbstverständlich davon ausgehen, am Ende als Sieger durchs Ziel zu gehen.”