“Stell dir einen Steintisch vor, und daneben einen fliegenden Teppich. Der Tisch ist massiv; seine Beine sind stark. Der Teppich bewegt sich auf gleicher Höhe wie die Tischplatte, aber er hat keine Stütze von unten. Du schaust den Teppich an, und Gott sagt: „Komm rauf!“
Der Tisch sieht stabil aus. Da weißt du, worauf du stehst, du kennst die Ecken und Kanten, du bist sicher, daß du nicht runterfällst. Deshalb bewegst du dich selbstverständlich in Richtung Tisch. Aber Gott sagt: „Nein, hier rüber!“
„Da rauf?“, fragst du. „Woher weiß ich, daß mich der Teppich trägt?“
Gott aber besteht darauf: „Ich sage dir, komm hier rüber!“
„Aber Herr“, protestierst du, „da gibt es keinen Halt. Woher weiß ich, daß ich nicht runterfalle?“
Der Herr versichert dir: „Ich habe dich gerufen, und ich trage dich. Ich bin es, der dich halten wird.“
Schließlich gibst du, wenn auch zögernd, nach. „Also gut, Herr, wenn du es sagst …“
Und so machst du die Probe aufs Exempel. Du drückst den Teppich nieder, und es scheint so, als ob er ein bißchen nachgibt. Aber er sinkt nicht völlig zu Boden. So nimmst du all deinen Mut zusammen und kletterst auf den Teppich.
Plötzlich schwebst du! Du fühlst dich so lebendig! Jetzt weißt du ganz sicher, daß Gott dich liebt. Du kannst deine Freude fast nicht aushalten. „Menschenskinder, lieber Gott! Warum habe ich dir nicht früher geglaubt? Hätte ich früher auf dich gehört, hätte das neue Leben früher begonnen! Ich hätte schon längst begriffen, was Leben heißt! Also, vielen Dank, lieber Gott!“
Aber dann wird es etwas windig. Du fragst dich, was denn jetzt los ist. „Herr, laß das aufhören!“, bettelst du. Aber Gott läßt es nicht aufhören.
Der Wind wird heftiger, und du beginnst dich zu fragen, ob du wirklich so sicher bist. Du siehst dich um und merkst, daß der Herr nach und nach die Fäden aus dem Teppich zieht!
Mit einem Satz springst du auf den Steintisch und fühlst dich augenblicklich wesentlich sicherer. Aber dann hörst du, daß Gott ruft: „Was machst du denn da drüben? Ich dachte, du wolltest mir vertrauen. Hast du nicht gesagt, du würdest alles verlassen und mir folgen?“
„Ja, schon, aber …“
„Also, dann vertrau mir auch! Laß mich alles wegnehmen, was du zu brauchen meinst. Ich will dir Freiheit schenken. Ich will ein neues Geschöpf aus dir machen. Aber du mußt mir glauben. Du mußt glauben, daß ich das tun kann.“
„Tu ich ja“, verteidigst du dich. „Aber könntest du wenigstens aufhören, die Fäden rauszuziehen!?“
Demütig kletterst du auf den Teppich zurück. Wieder erlebst du die Aufregung. Wieder spürst du den Wind. Wieder schaust du dich um – und – hast du’s nicht gleich gewußt? Wieder macht sich Gott am Teppich zu schaffen und zieht die Fäden raus.
Da hast du’s! Der Teppich wird immer fadenscheiniger. Der Wind wird immer stürmischer. Der Steintisch sieht so sicher aus. Du beginnst zu verhandeln: „Herr, warum kann ich nicht da drüben stehen? Ich wäre noch immer ein guter Christ. Ich würde auch die Gebote nicht brechen. Ich würde jeden Sonntag zur Kirche gehen. Ich würde in Zukunft mehr Geld für die Armen spenden. Aber das hier ist mir doch zu gruselig.“
Aber Gott läßt dich nicht aus. „Vertrau mir nur!“, sagt er. „Da drüben ist nichts los. Hier spielt die Musik. Hier ist das Leben. Ich will deine Freude sein, ich will deine Hoffnung sein. Ich will dir alles geben, was du wirklich brauchst.“
„In Ordnung, Gott“, sagst du. Die Zeit läuft weiter, und du siehst, wie Gott weiterhin einen Faden nach dem anderen aus dem Gewebe löst – bis nichts mehr übrig ist als Gott selbst.
Genau das wollte Gott dich erleben lassen. Genau das mußtest du am eigenen Leib erfahren. Es war nicht die Kraft des Teppichs, die dich trug. Es war Gottes Kraft.
Die Erfüllung, die Gott schenkt, übertrifft immer unsere wildesten Erwartungen. Gott läßt sich in puncto Großzügigkeit nicht ausstechen. Was immer wir loslassen, wird uns vielfältig erstattet werden. Aber wir wissen das nicht – außer im Nachhinein. Wenn wir am Anfang des Glaubensweges stehen, wissen wir das alles nicht.”
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Reiner B.
Autor: Rohr Richard